Lesung – Ludwig P. Fromm: Z. wie Zersetzung

Am 9. Oktober 2020 um 20:00 Uhr. Eintritt 8 €


Z. wie Zersetzung. Stasi und andere Verbrechen

Lesung von und mit Ludwig P. Fromm

Ludwig P. Fromm liest aus seinem gerade erschienenen Buch “Z. wie Zersetzung. Stasi und andere Verbrechen”

(c) Verlag Ludwig

(Diese Geschichte wurde 1986 geschrieben. Es war das Jahr der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl.)

Der Morgen davor

Es dämmerte gerade, als Bauer Kirchberg seinen Traktor anwarf. Er wollte in die Kreisstadt, zwei Schweine abliefern. Schon seit Tagen hätte er fahren müssen. Die Kühe brauchten dringend Futter. Das bekam er von der LPG, der »Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft«, für sein »Deputat«, die abgelieferten Tiere.

Gerade, als er die Dorfstraße verlassen wollte, die in einem leichten Schwung in eine Pappelallee einmündet, kam ihm ein Mopedfahrer entgegen, bremste scharf, zeigte in Richtung Pappelallee, aber auch in alle anderen Richtungen, redete viel zu schnell und viel zu laut Unverständliches. Dann raste er wieder los, hinunter ins Dorf.

Das war doch der Kunkel, dieser Saisonarbeiter. Der auf’ Zucker­fabrik malocht, schoss es Kirchberg durch den Kopf. Ja, an Werktagen war Kunkel gewöhnlich der Erste, der das Dorf verließ. Sie fingen früh an, in der Zuckerfabrik, und mit der »Schwalbe« brauchte er gut eine halbe Stunde bis in die Stadt.

Dem Bauer Kirchberg war in Folge des plötz­lichen Bremsmanövers der Motor seines Treckers abgesoffen. Ärgerlich startete er ihn neu. Was der Kunkel wohl wollte? Viel hatte der Bauer nicht verstanden! Also los, er hatte schon genug Zeit verloren. Noch immer kopfschüttelnd, auch das Wenige schon vergessend, musste er wieder ganz plötzlich bremsen – und auch diesmal soff ihm der Traktor ab!

Saisonarbeiter Kunkel war inzwischen im Dorf angekommen. Eilig und zielstrebig steuerte er auf eines der beiden Einfamilienhäuser zu, das, noch unverputzt, neben der Schule stand. Den Georg wollte er sprechen. Und das um diese Zeit! Er klopfte. Fast hätte es die Tür gekostet. Doch dann kam Georg. Öffnete die von Faustschlägen noch dröhnende Haustür, zog sich die grüne Uniformhose zurecht, knöpfte umständlich ihren Bund zu. Jetzt wollte er aber Erklärungen. Kunkel gestikulierte, redete, nein, schrie, blieb unverstanden…

(c) Ludwig P. Fromm

Ludwig P. Fromm, geb. 1950 in Thüringen, Architekturstudium in Weimar, berufliche Stationen in Ost-Berlin, drei Jahre politischer Häftling in Pilsen, Erfurt und Cottbus, Freikauf und Übersiedlung nach West-Berlin, Arbeitsaufenthalte im europäischen Ausland, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin, Gründer einer Bürogemeinschaft für div. Bau- und städtebauliche Projekte, Dr.-Ing. der TU Berlin, Professor im Fachbereich Kunst und Gestaltung der Fachhochschule Kiel, Rektor der FH Kiel, Gründungsrektor der Muthesius Kunsthochschule in Kiel, dort Professor im Bereich Raumstrategien, seit 2015 emeritiert. Künstlerische, wissenschaftliche, journalistische, schriftstellerische und seit 2000 szenografische Arbeiten, div. Ausstellungsprojekte im In- und Ausland. Lebt und arbeitet in Bissee bei Kiel.